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Indoor Seilgarten

Pädagogische Perspektiven

                            

        

             

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine praktische Einführung  in das Klettern am Indoor-Seilgarten

Kein THRILL; sondern SKILL!

 Die häufig zu beobachtende Sensationssucht beim Klettern an den Hochseilgärten tendiert zum kurzzeitigen Thrill  (Angstlust). Dagegen braucht die Sinnsuche das Skill. Das bedeutet, Kompetenzen  zu erlangen, um Grenzerfahrungssituationen erfolgreich zu bestehen. Das Klettern am innovativen Indoor-Seilgarten ist nach dem offenen Vermittlungsmodell für spielbetontes Turnen mit mehrperspektivischer Orientierung  in der Schul- und Vereinspraxis gut anzubieten.

Adressaten sind alle Altersgruppen.

I. PHASE Vorbereitung (briefing)

1. Planen –Bauen

  Materielle Voraussetzungen:

Jede Neuheit im Sportgerätebau erfordert eine Beschreibung der Konstruktionsweise und der speziellen Ausrüstung. Diese besonderen Rahmenbedingungen bleiben ein fester Bestandteil vor jeder Unterrichtsstunde.

-    Kletteranlage nach DIN  mit Klettertauen

-    Balancierelemente aus Holz (ca. 120 cm lang , ca. 10 cm dick; rund

    oder vierkantig ;mittige Bohrung ( 40 mm)

Es können auch Plattformen, Klettertafeln, Autoreifen u.a. eingesetzt werden.

-Tau-Klemmen Sy-Nodi ( Fachhandel) TÜV geprüft mit GS Zeichen oder eine  Alternativbefestigung

-    10-15 m Kletterseil zur Sicherung -    Auffanggurt A DIN 7478 oder Alternativausrüstung zur Sicherung mit Schraubkarabiner für den Hochseiltrainer / Lehrer / Übungsleiter /

-    Brust- und Sitzgurt je nach Gewicht des Schülers mit Schraubkarabiner

Konstruieren:

Die Montage der einzelnen Balancierelemente an den Klettertauen ist mithilfe der Tau-Klemmen denkbar einfach. Sie können in jeder beliebigen Höhe unterhalb der Elemente festgeschraubt werden. Das Sicherungsseil wird über eine hochgesetzte Tau-Klemme bzw. einer Deckenaufhängung geführt .An jedes Balancierelement werden 2- 4 Führungsseile ( ´2- 4m lang), mit kleinen Karabinern  montiert.

  2. Organisieren:

Jedes Balancierelement ist entsprechend der  Anzahl  Führungsseile mit 2-4 Schülern zu besetzen .Ein Team umfasst mindestens 4 Personen : 1 kompetente Lehrperson, 1 Teilnehmer,  2  Helfer.

3. Thematisieren:

Ziel ist nicht die Vermittlung der Klettertechnik , sondern von Handlungskompetenz und Erlebnisse aus erster Hand. Das Bewegungsthema ist auf die Bedürfnisse und Gedankenwelt der Schüler auszurichten, gemeinsam von Lehrer/ Übungsleiter und Schülern zu formulieren und zu planen. Die außergewöhnliche Klettersituation mit den Grundtätigkeiten Klettern und Balancieren kann nach verschiedenen Perspektiven thematisiert werden.Für Kinder ist eine Bewegungsgeschichte (Imitation von Tieren:“ Klettern wie ein Eichhörnchen, Balancieren wie ein Katze“) sinnvoll (Eindruck / Ausdruck). Eltern, Mitschüler werden dabei als wichtige Helfer in den Handlungsvollzug miteinbezogen. Für Jugendliche kann das Thema Mutprobe (Wagnis), Fitnesstest, Kraftprobe (Leisten) reizvoll sein. Im Miteinander der Bewegungsaufgaben liegt der große sozial-pädagogische Wert des Kletterns am Seilgarten.

  4. Wertevertrag vereinbaren

Gemeinsames Handeln soll nicht nur erlebt , sondern durch entsprechende Verhaltensregeln gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden. Ein Art Wertevertrag zwischen den Gruppenmitgliedern, wie er sich im Abenteuerprogramm (USA; Projekt Adventure) bewährt hat, kann auch zumindest in mündlicher Form vereinbart werden.

II. PHASE  INSZENIEREN- PROBLEMELÖSEN

Dieser Stundenteil beinhaltet die sportpraktische Umsetzung. Die Lernprozesse sind mit folgenden Schlagworten zu charakterisieren: Learning by doing, Lernen durch Nachahmung , Lernen am Vorbild, situatives, soziales, emotionales Lernen.

1.     Lernschritt:

Einstimmen und Vorbereiten:

  •  Vertrauensspiele

Vertrauensbildende Maßnahmen (trust building) dienen der Vorbereitung als wichtiges Schlüsselelement zur Entwicklung von Vertrauen und Sicherheit sowohl beim Einzelnen als auch in der Gruppe.

Beispiele: „Die menschliche Leiter“, „Reise über Köpfe“ (Reiners, 1993)„Prinzessin auf der Erbse“.

  • Problemlösungsaufgaben

Zielen auf ein effektiveres Erlernen der Kommunikation und Kooperation der Teilnehmer untereinander. Eine wichtige Voraussetzung beim Klettern am Seilgarten.  

Beispiel: „Das Spinnennetz“( Rohnke, S.106-108) „Elektrischer Draht“ (Reiners; 1993;S.140-1419).

2. Lernschritt: Kennenlernen der Sicherheitprobleme  und Durchführung des Sicherheitscheck.

Das Neue muß aus dem Zustand der Sicherheit heraus erfahren werden (APTER 1994). Das methodische Prinzip Sicherheit vor Risiko gilt hier besonders. Der Lehrer  oder Übungsleiter muß die fachliche Kompetenz besitzen , um die Sicherungsmethoden des alpinen Kletterns vorzustellen und anzuwenden. Erforderlich sind gründliche Kenntnisse in der Materialkunde (Seile, Knoten, Karabiner, Bänder, Schlingen, Tope-Rope und Self Belay Sicherung) und eine fachspezifische Ausrüstung (Klettergurt mit Abseilachter, Erste Hilfe Ausrüstung). Nachfolgend die wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen vor Benutzung des Indoor-Seilgartens (Hösel,2008): Die Kontrolle des Seilgartens erfolgt immer von unten nach oben.

  • Überprüfung der Tau-Klemmen , Klettertaue, Balancierelemente

  • Funktionsüberprüfung von Sicherungs- und Führungsseilen 

  • Ausrüstung  (Sitzgurt, Karabiner )

In einem Rundengespräch (safety talk) werden alle Teilnehmern hingewiesen auf

  • allgemeine Maßnahmen: richtige Kleidung (feste Schuhe), zusammengebundene, lange Haare , abgelegten Schmuck, geleerte Hosentaschen
  • Regeln: keiner klettert ohne Gurt und Sicherung; jeder geht sowie er  sich es zutraut (kein Zwang);
  • Teambildung aller Teilnehmer mit gegenseitiger Unterstützung.

3. Lernschritt: Ungesichertes Balancieren auf niedriger Höhe

Die Balancierelemente werden in ca.50cm Höhe über dem Boden mit den Tau-Klemmen an den Klettertauen befestigt. Bei Gleichgewichtsverlust ist ein Niedersprung immer noch möglich. Die Führungsseile werden von den Mitschülern, Eltern etc. übernommen, um die Balancierelemente zu stabilisieren.

Spielbetonte Teilnehmeraufgabe :„wie kannst du von einem Balken zum anderen balancieren?“ Halte dich dabei  an den Klettertauen fest!“

Helferaufgaben:

Blicke immer zum Kletterer und spanne die Führungsseile so, dass sie auf die Bewegung des Teilnehmers erleichternd abgestimmt werden.

„Geht immer mit und motiviert!“

Unterrichtsabsicht: Kennenlernen des ungewohnten  Balancierparcours und Aufbau der Teamarbeit.

Alle Teilnehmer absolvieren der Reihe nach den Seilgarten-Parcour.

Es folgt eine kurze Reflexion zur Problemklärung , Bewusstmachen des Erlebten und und Kompetenzen (motorisch -Gleichgewicht, Kraft; emotional - Angstabbau; Vertrauensbildung; cognitiv - Erkenntnis eigener Fähigkeiten und Schwächen bei Grenzüberschreitungen; sozial – Kooperation , Teamfähigkeit; Kommunikation). Die subjektiv bestimmten Sinnperspektiven: Eindruck, Wagnis, Miteinander, Leistung, lassen sich zu pädagogische Perspektiven führen.

 4.Lernschritt: Gesichertes Balancieren auf mittlerer/ größerer Höhe

Die Balancierelemente werden auf eine Höhe von ca. 2,50 m , im weiteren Unterrichtsverlauf  auf ca. 4,50m befestigt. Noch effektiver ist die fixe Montage eines zweiten Parcours („Doppelstock“).Allerdings ist dabei auf das Überkreuzen der Seile zu achten! Der  Kletterer wird durch den Lehrer / Übungsleiter mit dem Seil gemäß den Vorschriften gesichert.  Dieser Lernschritt ist der eigentliche Beginn des Seilgarten- Kletterns.Je höher der Balancierparcour umso größer die Herausforderung! Auch das Helferteam ist jetzt mehr durch ein verantwortungsvolles Zusammenwirken gefordert. Aufgaben und Lehrinhalte sind die gleichen wie im vorangegangenen Lernschritt. Sie werden lediglich gesteigert.

 III. PHASE Reflektieren (Debriefing) - Projektieren

Bewegungserfahrungen und Handlungen müssen durch Reflexion bei allen Teilnehmern hinterfragt und bewußt gemacht werden. Nur so kommt es zu einer selbstständigen Urteilsbildung über Zusammenhänge und Wahrnehmungen. Ein Transfer in die Lebenswirklichkeit geschieht nur, wenn die individuellen Wahrnehmungen verbalisiert werden können.

Fragen stellen und analysieren:

Was ist passiert? Was hast du empfunden?  Hast du dich sicher gefühlt? Hattest du Angst? Gab es andere Probleme ?

Zum Abbauen: Die Klettertauanlage lässt sich mit den Elementen an die Wand schieben und ist dort mit einem Gurt zu befestigen.

Projektieren:

Neue Balanciersituationen für die Folgestunden planen , festlegen (Steigerung der Höhe, andere Elemente etc.).

Verfasser: Helmut Diener

                    Literatur:

                  Der Übungsleiter,Arbeitshilfen für Übungsleiterinnen und Übungsleiter,Nr. 1/2009

 Nr.1/ 2009 Apter, M.:Im Rausch der Gefahr.Warum immer mehr Menschen den  Nervenkitzel suchen, 1994, München

Baumann, H./ Diener,H.:Turnen spielend erleben, 1999, Frankfurt/ Main

Hösel, O., Skript, 2008, Würzburg

Reiners, A.: Praktische Erlebnispädagogik, 1993, München

Rohnke, K.Cowstails and Cobras , 1989, Dubuque Iowa (USA)

Warwitz, S.:Sinnsuche im Wagnis, 2001, Hohengehren